×
Verbotene Geschichte ♦♦ Vorgeschichte ♦♦Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4

Vorgeschichte

Teil 3

   Bahar teilte R7 mit, dass wir ihn nicht auf dem Radar hatten, und fragte, ob er uns seinen Aufenthaltsort auf der Landkarte zeigen konnte.

   R7 teilte mit, dass der Ort nicht in seinem Programm enthalten war. Bahar forderte R7 auf, auf den höchsten Punkt des Schlosses zu fliegen und von dort aus Bilder zu schicken, auf denen man die Umgebung besser erkennen konnte. R7 flog daraufhin auf eine Plattform. Wir sahen ein kleines Land, das in der Luft hing.

   ‚Hast du irgendeine Idee, wo das sein könnte?‘, fragte ich Bahar. Und obwohl sie gewöhnlich auf jede Frage eine Antwort hat, fiel ihr nichts Besseres ein als die Vermutung, R7 könne in einen Zeittunnel geraten sein und sich in der Vergangenheit befinden.

   Da musste ich erst einmal lachen. Ich sagte ihr, dass ich sie immer um ihre Phantasie beneidet habe, aber das sei nun wirklich lächerlich.

   Anstatt sie auszulachen, sollte ich lieber zu erklären versuchen, was wir da gerade sahen. Das war ihre Antwort.

   Ich konnte mir das Lachen trotzdem nicht verkneifen. Das machte sie ziemlich wütend. ‚Wahrscheinlich befinden wir uns im Reich von Tausendundeiner Nacht‘, wieherte ich irgendwann. Und während wir noch weiter rätselten, hörten wir plötzlich ein furchtbares Gebrüll, das die Aufmerksamkeit von R7 erregte. Der Krach kam offenbar aus einem Loch. Bevor Bahar R7 warnen konnte, war er schon unterwegs zu dem Loch. Daraufhin hat Bahar R7 mit aller Dringlichkeit kontaktiert und ihn gefragt, was los ist und wo er ist und dass er sich melden soll.

   Es dauerte eine ganze Weile, bis R7 uns wieder Bilder schickte. Es war aber nichts zu erkennen. Er machte Aufnahmen in alle Richtungen, aber es war dunkel. R7 erfasste, dass sich etwas in der Dunkelheit bewegte. Wir konnten Geräusche hören, bekamen aber immer noch nichts zu sehen. Bahar wies R7 an, sich nicht zu bewegen und keine Reaktion gegenüber der unbekannten Kreatur zu zeigen.“

   José machte eine Pause und sagte dann zu Wolfgang: „Erinnerst du dich, dass ich damals, als es mit dem Projekt nicht weiterging, in Urlaub gegangen bin und Bahar sich eine Woche krank gemeldet hat?“

   „Ja klar, daran erinnere ich noch sehr gut“, bemerkte Wolfgang. „Ich hatte nämlich mit vielem gerechnet, aber dass du und Bahar mich in so einer Situation im Stich lasst, das hatte ich eigentlich nicht für möglich gehalten.“

   „Es tut mir leid“; sagte José. „Uns ging es auch nicht gut damit. Aber damals saßen Bahar und ich Tag und Nacht vor dem Monitor und folgten R7 voller Aufregung.“

   In diesem Moment kam der Kellner und räumte das Geschirr ab, das vor José stand. José machte ein wenig Smalltalk mit ihm. Als er wieder weg war, fragte Wolfgang ungeduldig: „Und dann?“

   „Wir haben solange auf den Monitor geschaut, bis uns die Augen zugefallen sind“, sagte José. „Ich weiß nicht, wie lange, aber als wir aufgewacht sind, haben wir ein unglaubliches Bild gesehen.“

   „R7 war in einem Kerker voller Knochen und Totenschädel. Wir sahen ein behaartes Hexenmonster. Es hatte große Hände und Füße und ein hässliches Gesicht. Die riesigen Augen waren rot unterlaufen und aus dem breiten Mund ragten ein paar Zähne hervor. Bahar war ganz erschrocken. ‚Oh, mein Gott! Was ist das für eine Kreatur? Die ist bestimmt gefährlich‘, rief sie aus. In genau diesem Moment ging eine eiserne Tür auf. Wachen warfen Essen in den Kerker und riefen: ‚Hier, du Hexenmonster, friss das, du böser Dämon!‘, bevor sie die Tür wieder zuschlugen.

   Durch eine Öffnung wurde ein Teil des Raums von Tageslicht erhellt. Die Kreatur stand auf. Um durch die Öffnung hinauszuschauen, stieg sie auf den Knochenhaufen. Aber sie stürzte. Der Vorgang wiederholte sich und jedes Mal, wenn sie wieder stürzte, ärgerte sie sich und schlug sich auf den Kopf und ins Gesicht, bis sie auf einmal R7 sah.

   Uns blieb beinahe das Herz stehen. Bahar fing an, Gebete zu murmeln. Als die Kreatur, also das Hexenmonster, R7 sah, wurde sie still. Sie starrte R7 lange an und gab dabei seltsame, unverständliche Laute von sich. Dann ging sie zaghaft auf R7 zu und berührte ihn. Sie gab noch einmal Laute von sich und zog die Hand wieder zurück. Nachdem sie festgestellt hatte, dass R7 nicht gefährlich war, nahm sie ihn hoch. Sie roch an ihm, leckte an ihm, und sprach leise auf ihn ein. Dann ließ sie ihn fallen und legte sich in einer Ecke auf einen großen schwarzen Stein.

   Wir holten tief Luft und hofften, dass R7 nicht beschädigt war. Wir warteten dann zunächst ab, bis das Hexenmonster eingeschlafen war. Bahar fordert R7 dann auf, seine Systeme zu überprüfen und uns Bericht zu erstatten. Seine Systeme waren alle aktiv. Bahar wies R7 an, aus dem Raum wegzufliegen, aber er konnte es nicht, weil er beschädigt und seine Flugfunktion nicht funktionstüchtig war. Wir dachten, dass jetzt alles aus ist. R7 saß mit einem Hexenmonster in einem Kerker und wir mussten es untätig mitansehen.

   R7 hatte das Hexenmonster den ganzen Tag im Visier seiner Kamera. Er analysierte jede Bewegung und jeden Laut und erstattete uns Bericht. ‚Die Kreatur ist weiblich. Sie ist kein Vogel, sondern ein Säugetier.‘ Wir testeten immer wieder die Schaltkreise von R7, auf der Suche nach einer Möglichkeit, ihn wieder flugfähig zu machen.

   Die Bilder, die R7 sendete, waren immer dieselben und wir langweilten uns bald. Dann wurde es dunkel. Das Hexenmonster wachte auf und fing an, sich zu räkeln. Es wurde unruhig. Aus den Atemgeräuschen war zu spüren, dass es sich fürchtete oder irgendwie aufgeregt war. Als der Mond den Kerker erhellte, konnten wir das Hexenmonster besser sehen und beobachten, was dann geschah.

   ‚Schau mal, José, es mag Mondschein und Sonnenlicht‘, stellte Bahar fest. Das Hexenmonster saß im Mondschein und gab ununterbrochen Töne von sich. Bahar war müde. Sie legte sich auf die Couch und schlief ein. Seit das Hexenmonster im Mondschein saß, wiederholte es ständig leise einen beschwörenden Spruch. Offenbar wurde es nicht müde, ihn endlos zu wiederholen. Er hatte einen Rhythmus, der mir bald in den Ohren klang.

   Ich ging in die Küche und machte mir ein belegtes Brot. Zurück im Arbeitszimmer, fing ich an zu essen. Die Bilder, die von R7 kamen, waren schon so lange immer dieselben, dass ich mich nicht mehr auf den Bildschirm konzentrierte. Doch auf einmal tauchte ein neues Bild auf, das mich so in seinen Bann zog, dass ich nicht einmal aufstand, um Bahar zu rufen. Schließlich riss ich mich zusammen und rief doch nach Bahar. Sie schlug die Augen auf und kam ungehalten zu mir. Ich deutete nur auf den Bildschirm.

   Bahar rieb sich die Augen und wollte wissen, ob das derselbe Raum sei.

   Ich bestätigte es.

   ‚Und wo ist das Hexenmonster?‘, wollte sie wissen. ‚Und wie kommt die Frau dorthin?‘

   Genau das fragte ich mich selbst. In dem Kerker stand eine schöne Frau, ähnlich den Frauen, die uns R7 zuvor auf Bildern gezeigt hatte. Sie flüsterte immer wieder dieselben Verse. Wir sahen sie und uns beiden war sofort klar, dass sie irgendwie ein Opfer sein musste.

   Bahar forderte R7 auf, sich in allen Ecken und Winkeln des Raums umzusehen. Wir fragten uns, wo um Himmels willen das Hexenmonster geblieben war. Wir malten uns aus, dass wir untätig würden zusehen müssen, wie ein wunderschönes Wesen vor unseren Augen vernichtet wird. Der Mondschein war verschwunden und in der Kammer war es wieder völlig dunkel. Nach einer Weile hörten wir grauenhafte Geräusche. Bahar hielt sich mit den Händen die Ohren zu und fing an zu weinen. Immer wieder sollte ich für sie nachsehen, ob das Hexenmonster die Frau schon gefressen hatte.“

   “Das klingt wie ein Märchen, was du da erzählst, José“, unterbrach Wolfgang den Bericht. „Seid ihr sicher, dass R7 nicht irgendwo in der Nähe war? Es hätte doch sein können, dass eine Theatergruppe ein Stück aufführt.“

   „Nein“, erwiderte José. „Wir haben zunächst auch an diese Möglichkeit gedacht und deshalb mit dem Radar nach R7 gesucht. Wir hätten ihn orten können, wenn er sich irgendwo auf der Erde befunden hätte. Wir bekamen Bild- und Tonsignale von ihm, aber auf dem Radar war er nicht zu sehen. Und als R7 selbst seine eigene Landkarte überprüfte, kam er zu dem Ergebnis, dass es den Ort, an dem er sich befand, auf seiner Landkarte nicht gab.“

   „Das stimmt“, räumte Wolfgang ein. „Ich habe ihn so programmiert, dass wir ihn sogar unter der Erde orten und auf dem Radarschirm sehen können. Aber als Forscher kann ich so etwas einfach nicht glauben.“

   „Weißt du“, sagte José, „ich habe dasselbe gedacht wie du jetzt, aber nach dem, was dann passierte, habe ich begriffen, dass um uns herum Dinge vonstatten gehen, die wir nicht verstehen können.

   Wir haben uns die ganze Nacht Sorgen gemacht und gewartet, bis der Raum mit dem Hexenmonster wieder hell wurde. Wir waren sehr neugierig, was mit der Frau passiert war. Kaum fiel ein wenig Licht in die Kammer, kamen auch schon weitere Bilder von R7. Bahar hielt sich die Hände vors Gesicht, dennoch blinzelte sie ab und zu zwischen den Fingern hindurch, um verstohlen auf den Monitor zu schauen, dann allerdings die Finger gleich wieder dicht zu schließen.

   Das Hexenmonster schlief tief und von der Frau gab es keine Spur. Bahar war richtig unglücklich und stellte sich viele Fragen: Warum hatte sich die Frau nicht gewehrt? Wir waren doch die ganze Nacht wach gewesen und hätten hören müssen, wenn sie sich zur Wehr gesetzt hätte?

   „Du kannst dir nicht vorstellen, wie erschöpft wir waren“, José schaute Wolfgang eindringlich an, „nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Tagsüber schliefen wir abwechselnd und nachts starrten wir auf den Bildschirm.

   In der folgenden Nacht herrschte wieder völliges Dunkel in der Kerkerkammer. Dieses Mal behielten wir den Bildschirm konsequent im Auge. Langsam erhellte das Mondlicht einen Teil des Raums. Das Hexenmonster saß wie in der Nacht zuvor im Mondschein und flüsterte wieder dieselbe Litanei. Die Kreatur kam erneut in Bewegung und wand sich unruhig hin und her. Wir haben gebetet, dass sie an der Stelle bliebe, an der wir sie im Bild hatten. ‚Es sieht irgendwie so aus, als ob sie sich verwandelt‘, vermutete ich.

   Bahar schimpfte mich einen Narren, sie sehe nichts. Nachdem sie das Hexenmonster eine weitere Stunde lang eingehend angestarrt hatte, rief sie plötzlich: ‚Ach, du meine Güte! Du hast recht, José. Die Kreatur verwandelt sich. Wir sind Zeugen eines Wunders!‘

   Das Hexenmonster bewegte sich qualvoll und flüsterte dabei ständig den Zauberspruch. Und dann nahm es auf einmal ganz schnell eine neue Gestalt an, wie wenn in einem Film die Bilder beschleunigt werden, so dass wir die Veränderungen nicht im Detail wahrnehmen konnten. Zuletzt wurde das Wesen ganz ruhig und es zeigte sich uns dieselbe schöne Frau, die wir in der Nacht zuvor schon gesehen hatten. Dieses Mal war ich es, der ‚Ach, du meine Güte!‘ rief und es nicht für möglich hielt.

   Bahar war ebenfalls fassungslos. Sie fragte aufgeregt, ob die Frau wirklich das Hexenmonster gewesen war. Das Ganze erinnerte sie an die alten Erzählungen und Märchen. ‚Dann sind die persischen Geschichten, die meine Mutter immer erzählt hat, also wirklich passiert‘, war ihre Schlussfolgerung, und dass die Frau wegen eines Fluchs in den Körper eines Hexenmonsters verbannt worden sei.

   Wir hätten nie geglaubt, dass die Verwandlung tatsächlich stattgefunden hat, wenn wir es nicht mit eigenen Augen gesehen hätten. Wissenschaftlich konnten wir uns das Geschehen allerdings nicht erklären.

   Bahar stellte eine Direktverbindung zu R7 her und forderte ihn auf, seine Lautsprecher zu aktivieren. R7 befolgte ihre Anweisung. Sie sprach zuerst dasselbe Gebet wie zuvor und fragte dann R7, ob er bereit sei und sie mit der Frau sprechen könne. R7 meldete zurück, dass alles vorbereitet wäre.

   Ich fragte Bahar, ob sie sich denn mit der Frau verständigen könnte.

   Bahar meinte, aus der Kleidung könne man schließen, dass sie wahrscheinlich Arabisch spreche.

   Ich fragte Bahar, ob sie denn Arabisch könne.

   ‚Selbstverständlich!‘ antwortete sie im Brustton der Überzeugung.

   Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Frau mit uns sprechen würde, aber wir mussten es versuchen. Meine Idee war, dass wir, wenn Bahar mit ihr in Kontakt trat, mit ihrer Hilfe vielleicht R7 reparieren konnten.

   Bahar räusperte sich und sagte ‚Salam aleikum‘.

   Die Frau erschrak sichtbar und schaute sich nach allen Seiten um. Ihr Blick fiel auf R7. Dann ging sie vorsichtig auf R7 zu, nahm ihn hoch und setzte sich mit ihm zurück auf ihren Platz im Mondlicht. Und dann erwiderte sie in aller Ruhe seine Begrüßung.

   Bahar verstummte. Ich fand es unglaublich, dass die Frau Bahar geantwortet hatte. Bahar saß wie zur Salzsäule erstarrt. Ich hielt es nicht aus und drängte sie, die Frau etwas zu fragen, solange sie sich nicht wieder in das Hexenmonster zurück verwandelt hatte.

   Daraufhin gestand mir Bahar, dass sie eigentlich gar kein Arabisch konnte und nicht im Entferntesten damit gerechnet hatte, dass die Frau antworten würde.“

   José stützte den Kopf auf die Hände. „Ich ärgere mich heute noch darüber“, ließ er Wolfgang wissen, „was Bahar da gebracht hat. An diesem Punkt hätte mich das sprunghafte Verhalten von Bahar beinahe um den Verstand gebracht.“

   Wolfgang war ziemlich aus dem Häuschen. „Und dann?“

   „Ich hatte keine Lust mehr, mich mit Bahar auseinanderzusetzen. Erst wollte sie eine Freundin anrufen, die Arabisch konnte. Dann änderte sie ihre Meinung wieder und wollte aufnehmen, was die Frau sagte, und es selbst übersetzen, weil sie niemandem vertrauen konnte. Das gab dann wieder eine Diskussion, aber wir ließen den Bildschirm nicht aus den Augen. Die Frau untersuchte R7 von allen Seiten und fing dann an zu reden. Bahar wurde ganz unruhig und rutschte fast vom Stuhl. Ich wollte ihr helfen, aber sie riss sich dann doch wieder zusammen und bedeutete mir, still zu sein. Bahar hörte der Frau aufmerksam zu. Ich meinte, eine Ähnlichkeit zwischen der Sprache, in der sie sprach, und Bahars Muttersprache festzustellen. Ich wollte gerade eine entsprechende Bemerkung machen, da sah ich, dass Bahar Tränen übers Gesicht liefen.

   ‚José‘, sagte sie erschüttert, ‚ich glaube, ich wurde von Gott für diese Aufgabe auserwählt! Die Frau spricht Persisch‘.

   „Also jetzt aber!“, Wolfgang gebot José mit einer abwehrenden Bewegung Einhalt. „Das geht es mir irgendwie zu weit. Ich finde, jetzt wird es bedenklich! Aber wer weiß, vielleicht hat Bahar ja recht. Wenn man sich das Ganze im Zusammenhang denkt, kann man vielleicht doch einen Sinn darin finden.“

   José lächelte: „Irgendwie liegt es tatsächlich auf der Hand. Du hast selbst immer gesagt, dass nichts ohne Grund passiert.

   Bahar hat mir also alles übersetzt, was die Schöne gesagt hat. Nachdem sie R7 genau betrachtet hatte, fragte sie ihn, wer er sei und woher er komme.

   Bahar versuchte, ruhig zu bleiben. Sie nahm einen großen Schluck Wasser und antwortete: ‚Was du in Händen hältst, ist ein eiserner Vogel, der Bilder und Filme von dir macht und uns sendet. Ich bin Bahar‘.

   Die Schöne herzte R7 froh und antwortete: ‚Gott sei Dank, meine Gebete wurden erhört. Bist du gekommen, um mich aus diesem Gefängnis zu befreien?‘

   Bahar wusste nicht, was sie sagen sollte, und schaute mich an. Mir fiel ein, sie sollte die Frau erst einmal nach ihrem Namen fragen.

   Bahar fragte sie nach ihrem Namen und dem Ort, an dem sie lebte.

   Die Frau starrte R7 an und antwortete mit klangvoller Stimme: ‚Ich bin Scheherazade. Mein Volk und ich erleiden dieses schwere Schicksal hier im Land, weil wir Gott nicht vertraut haben. Soweit ich weiß, leben wir immer noch auf der Erde, aber wir sind unsichtbar und seit vielen Jahren hält uns eine Kraft in der Schwebe über dem Boden!‘

   Bahar fragte sie, wie sie dort hingekommen sei.

   Scheherazade antwortete: ‚Ich erinnere mich genau. Ich lebte in einem kleinen Dorf im weiten Persien. Es war eine gute, eine schöne Zeit. Dann wurde unser Dorf angegriffen. Die Männer wurden getötet und wir wurden als Sklavinnen verkauft. Ich wurde zusammen mit anderen gefangenen Mädchen in den Harem des Sultans verkauft. Dort mussten wir uns, wie die anderen Haremsfrauen auch, alles Mögliche einfallen lassen, um ihn zu unterhalten, damit wir am Leben blieben. Denn diejenige, in deren Gegenwart er sich langweilte, wurde dem Henker übergeben. Ich erzählte ihm von meiner Heimat und unterhielt ihn mit Geschichten. Am Anfang war das Leben beim Sultan mit den Frauen im Harem sehr schwierig für mich. Aber mit der Zeit fand er Gefallen an mir und es wurde erträglicher. Mit der Zeit war es keine Überlebensfrage mehr, dem Sultan Geschichten zu erzählen. Denn da war mir das Erzählen schon zur Gewohnheit geworden. Bis eines Tages die Magier und Wahrsager des Sultans behaupteten, meine Geschichten würden dem Land Unglück bringen. Da erzählte ich keine Geschichten mehr.

   Nach einer Weile warnten die Wahrsager den Sultan erneut und kündigten eine Gefahr für das Land an, und dass alle bestraft würden, wenn der Sultan Scheherazade nicht aus dem Weg schaffte. Der Sultan lachte sie aus und schenkte ihren Worten keine Beachtung. Da verdunkelte sich eines Tages plötzlich der Himmel. Die Pferde wieherten und brachen aus den Ställen aus. Die Vögel erschreckten die Menschen mit ihren Schreien. Wie aus dem Nichts brach auf einmal ein Wirbelsturm herein und zerstörte das ganze Land. Der Palast des Sultans wurde aus den Grundfesten gerissen und ich verlor das Bewusstsein.‘

   Scheherazade senkte den Kopf. Sie sah R7 nicht mehr an. ‚Wäre ich nur auf der Stelle gestorben, sagte sie mit zitternder Stimme. ‚Als ich wieder zu mir kam,’ fuhr sie nach einer Weile fort, ‚bot sich meinen Augen ein alptraumhafter Anblick. Von dem prachtvollen Palast war nur noch eine Ruine übrig. Ich rannte voller Panik hin und her und sah, dass viele Menschen unter den Trümmern begraben lagen. Ich weinte und rief um Hilfe. Überall sah ich Tote, Menschen, die sich nicht hatten vorstellen können, dass so ein Sturm kommen und ihrem Leben ein Ende bereiten würde. Ich kletterte auf den Trümmerhaufen, um mir einen Überblick über die Umgebung zu verschaffen. Der Anblick verschlug mir den Atem. Das musste ein böser Traum sein. Aber es war die entsetzliche Wirklichkeit. Ein Teil des Palastes war aus dem Boden herausgerissen und schwebte in der Luft. Die Magier, die das Ereignis vorausgesehen hatten, hatten den Sultan und einige wenige gerettet.‘