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Vorgeschichte

Teil 2

   Wolfgang rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her und sah José fragend an.

   „Du erinnerst dich doch, dass Bahar von Anfang an nichts von dem Institut hielt“, fuhr José fort. „Wir beide haben das immer anders gesehen. Weil wir dachten, letztlich würde sich der Einsatz lohnen. Bahar hat damals eine Menge über das Institut recherchiert. Wir haben von ihr erfahren, dass – wenn man den Namen M&T in eine Suchmaschine eingibt – eine Menge Werbung für das Institut und viele kurze Filme über seine Aktivitäten zu finden sind und das Institut in allen möglichen Bereichen aktiv ist, man über die Projekte an sich aber nichts erfährt. Bahar hat Bekanntschaften im Internet und ist so an mehr Informationen gekommen als jene, die wir über das Institut bekommen haben.“

   Bevor José weitersprechen konnte, sprang Wolfgang auf und baute sich verärgert vor ihm auf: „Das bedeutet aber auch, dass Bahar mit ihren Internet-Bekanntschaften über unsere Programme gesprochen hat! Mein Gott! Wie naiv könnt ihr eigentlich sein? Ich kann es nicht glauben!“

   „Du hältst Bahar und mich offenbar für dumme Kinder“, erwiderte José. „Diese Freunde sind Leute, die ebenfalls hereingelegt worden sind. Es war ihre Initiative, uns und anderen, die in derselben Lage sind, geheime Informationen zur Verfügung zu stellen.“

   „Habt ihr dabei einmal daran gedacht, dass sie vielleicht Spione sind?“ fragte Wolfgang.

   José erwiderte: „Sie verlangen nichts und stellen keine Fragen. Sie geben uns nur Informationen und geben Auskunft auf unsere Fragen.“

   Der Kellner kam auf sie zu. Wolfgang trank das Wasser in seinem Glas aus und sagte: „Verzeihung, ich habe keinen Hunger, aber Sie können mir gerne noch eine Flasche Wasser bringen, bitte.“

   José bestellte sich etwas zu essen. Als der Kellner wieder gegangen war, fuhr er fort: „Erinnerst du dich, wie es damals ganz am Anfang war, als wir das Projekt gestartet haben? Wie wir uns in dem riesigen Forschungszentrum mit seinen vielen Gängen ständig zwischen den Gebäuden verlaufen haben und unseres nicht finden konnten?“

   In dem Gesichtsausdruck, mit dem Wolfgang sich José zuwandte, war der noch nicht verrauchte Ärger auf Bahar und José nicht zu übersehen.

   „Was war daran Besonderes?“, fiel er ihm ins Wort. „Das ist immer so am Anfang.“

   „Einmal hat sich Bahar auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz verlaufen“, erzählte José weiter, “und als sie es merkte, hat sie sich unvermittelt umgedreht und ist in die entgegengesetzte Richtung gelaufen. Dabei ist sie mit einer etwas älteren Frau zusammengestoßen, und die Frau ist gestürzt. Bahar wollte ihr aufhelfen. Die Frau war total verstört. Bahar hat mir erzählt, dass die Frau sie zu sich heruntergezogen und ihr ins Ohr geflüstert hat, dass sie die Informationen weitergeben und so schnell wie möglich verschwinden soll. Die Frau hat dann auf eine Tür gezeigt und Bahar hat Schritte gehört, die näher kamen. Die Frau hat noch mal gesagt, dass sie verschwinden soll, und zwar schnell, und bloß nie wieder hierherkommen solle. Bahar hat mir erzählt, dass sie ganz schnell zur Tür hinausgegangen sei und so erschrocken war, dass sie es nicht gewagt hat, zurückzuschauen. Sie wollte nur raus aus dem Gebäude ins Freie, hat sie mir berichtet. An dem Tag ist mir aufgefallen, dass Bahar sich nicht konzentrieren konnte und ganz anders war als sonst.

   Als ich wissen wollte, was denn mit ihr los ist, hat sie gesagt, dass sie im Moment nichts sagen kann und gefragt, ob ich abends zu ihr kommen könnte.“

   Als ich an dem Abend dann bei ihr angekommen bin, hat sie die Tür aufgemacht, noch bevor ich geklingelt hatte. Sie hatte total verweinte Augen. Sie hat mich hereingebeten und angefleht, ich sollte ihr um Himmels Willen helfen. Zuerst dachte ich, dass es mit ihrer Familie zu tun hat. Aber dann habe ich gemerkt, dass ihr etwas Angst machte. Ich beruhigte sie, so gut es ging, bis sie mir erzählen konnte, was an dem Morgen passiert war. Ich fand es, ehrlich gesagt, auch äußerst befremdlich, aber ich regte mich nicht so furchtbar auf wie sie.

   Ich fragte sie, ob sie den Labormantel angehabt hatte, als der Zwischenfall sich ereignete.

   ‚Nein‘, antwortete sie. ‚Wieso fragst du?‘

   Ich habe erst noch gezögert, aber dann habe ich sie gefragt, ob die Frau sie angefasst hat. Da hat Bahar mich erstaunt angeschaut und gemeint, ich sollte keine Witze machen und was denn die Frage sollte. Die arme Frau sei schlimm gestürzt und sie habe ihr aufgeholfen. Aber dann hat Bahar schon verstanden, worauf ich hinauswollte, und ist in ihr Zimmer gegangen und mit Kleidern unter dem Arm zurückgekommen, die sie vor mich hingelegt hat. Wir haben wie besessen an den Kleidern herumgesucht, sogar die Nähte haben wir untersucht, aber wir haben nichts gefunden. Aber dann schob Bahar die Kleider auf einmal zur Seite, ging noch einmal in ihr Zimmer und holte ihre Armbanduhr. Sie hielt sie mir vors Gesicht und erklärte, dass die Frau, als sie ihr aufgeholfen hat, sie an der Stelle am Handgelenk umfasst hat, an der die Armbanduhr war.

   Ich nahm ihr die Uhr aus der Hand und drehte sie um. Auf der Rückseite klebte ein Chip. Ich nahm ihn ab und wir starrten ihn beide wortlos an.

   ‚Komm schon‘, sagte ich, ‚hol deinen Laptop.‘

   Bahar dachte kurz nach und meinte dann, wir sollten lieber vorsichtig sein, und es wäre vielleicht besser, den Computer ihres Vaters zu nehmen. Wir sind also in das Zimmer ihres Vaters gegangen und haben den Chip in seinen Computer gesteckt. Es dauerte nicht lange, da erschien auf dem Bildschirm das Logo von M&T. Danach kamen Bilder von blühenden Feldern und Werbung für die Produkte des Instituts.

   ‚Schau dir das an ‘, sagte Bahar zu mir. ‚Alles perfekt, wie immer.‘

   Und dann kamen Mitschnitte einer Ärzteversammlung, auf der es um Qualitätssicherung für die Produkte des Instituts ging. Ein Arzt erklärte, dass jetzt 100 Freiwillige ausgewählt worden seien, die sich dem Institut ein Jahr lang als Probanden zur Verfügung stellten, um die Produkte zu testen, indem sie die Lebensmittel zu sich nahmen, und dass sie regelmäßig untersucht würden, um festzustellen, wie ihr Körper auf die genetisch veränderten Lebensmittel reagierte. Dann brach das Video ab. Bahar und ich starrten weiter auf den schwarzen Bildschirm. Als ich gerade den Chip herausnehmen und den Computer ausschalten wollte, tauchte auf einmal eine Videosequenz in ganz schlechter Qualität auf. Dieser Teil des Videos war eindeutig heimlich aufgenommen worden. Dasselbe Team wie vorher befand sich in einer anderen Besprechung. Die Ärzte diskutierten über die Testergebnisse. Bahar zeigte mir aufgeregt die Frau, der sie am Morgen begegnet war. Sie war eine der Ärzte und Ärztinnen, die die Untersuchungen erläuterten. Die Frau, die als Dr. Weinberg angesprochen wurde, erklärte, sie sei wider Erwarten zu denselben Ergebnisse gekommen und man dürfe die Studie nicht fortsetzen, da ganz akut die Gefahr bestand, dass Probanden erkrankten. Sie riet dazu, das Projekt auszusetzen, da ansonsten Leben in Gefahr seien.

   Der Leiter des Teams meldete sich zu Wort und sagte, dass seitens des Instituts von ihnen gefordert werde, ein Jahr lang im Rahmen des Projekts den Probanden die Lebensmittel des Instituts zum Verzehr zu geben. Aber schon nach sechs Monaten seien Symptome aufgetreten. Bedauerlicherweise zeigten 5% der Probanden seiner Gruppe noch weitere Symptome. Wenn ihr Immunsystem so schnell schwach würde, könnten sie an einer einfachen Erkältung sterben. Deshalb sei er derselben Meinung wie Dr. Weinberg und halte es für ratsam, das Projekt einzustellen.

   Ein anderer Arzt, der den Teamleiter mit Dr. Sonne ansprach, gab an, die Probanden seiner Gruppe zeigten nicht nur keine Symptome, sondern 5% von ihnen hätten unerwartete Widerstandskräfte gegen die Lebensmittel entwickelt und nicht negativ auf sie reagiert.

   Frau Dr. Weinberg äußerte sich sehr besorgt im Hinblick auf die Probanden, da diese ihnen vertrauten und keine Ahnung davon hatten, dass ihr Leben in Gefahr sein könnte. Früher oder später würden die genetisch veränderten Lebensmittel sie krank machen.

   Manche Ärzte waren nicht einverstanden und hielten dagegen, das Institut habe für diesen Fall Vorsorge getroffen.

   Während sie noch kontrovers diskutierten, betrat ein Mann das Besprechungszimmer. Alle standen respektvoll auf. Der Mann war schlank und hatte einen ernsten Gesichtsausdruck. Er setzte sich auf einen Stuhl, der offenbar ihm vorbehalten war, und begrüßte die Anwesenden, ohne einen von ihnen direkt anzusehen.

Die Anwesenden setzten sich wieder an den Tisch und legten unverzüglich ihre Berichte vor ihm hin. Er sah sich die Berichte ich aller Ruhe an und wirkte alsbald sehr zufrieden. Dann stellte er seine Tasche auf den Tisch, holte Tabletten heraus und sagte, dass die Ergebnisse wie gewünscht ausgefallen seien, dass das Institut sehr zufrieden mit ihnen sei und dass sie ab heute mit der Behandlung anfangen könnten.

   Die Anwesenden sahen einander fragend an. Teamleiter Dr. Sonne wollte wissen, was das für ein Medikament sei und ob es auch ausreichend untersucht wurde.

   Der Mann erklärte, die Tabletten dienten der Stärkung des Immunsystems, so dass die Probanden wieder gesund würden.

   Dr. Sonne bemühte sich sichtlich, die Fassung zu wahren, als er protestierte, dass wegen des Verzehrs entsprechender Lebensmittel 5% der Probanden derzeit an anderen Krankheiten litten, die er wohl kaum mit dieser Tablette würde heilen können.

   Der Mann, den offenbar niemand mit Namen kannte, erwiderte, dass 5% im Vergleich zu den erzielten positiven Ergebnissen vernachlässigbar seien. Dennoch könnten die betroffenen Probanden medizinische Hilfe bekommen. Im Übrigen sei man daran interessiert, die 5%, die keine Reaktion gegen die Lebensmittel gezeigt hatten, weiter zu testen. Diese Probanden sollten von den anderen abgesondert und im Labor der Institutsklinik untersucht werden. Es müsse festgestellt werden, weshalb das Immunsystem dieser Personen widerstandfähiger sei als das der anderen.

   Dr. Weinberg hatte den Mut, ihn zu unterbrechen, und riet dazu, erst einmal die Testergebnisse auszuwerten.

   Der Mann gab, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück, dass keine Notwendigkeit bestehe, die Testergebnisse noch einmal auszuwerten und weitere Schlussfolgerungen zu ziehen. Alles sei eindeutig und klar. Die Ärzte hätten ihre Arbeit gut gemacht und könnten jetzt die erkrankten Probanden mit dem Medikament therapieren. Damit sei es genug und man brauche nicht weiter zu diskutieren.

   Frau Dr. Weinberg empörte sich und trug vor, dass sie sich frage, ob sie wohl richtig verstanden habe, und dass – wenn bei der genetischen Veränderung der Lebensmittel die DNA so verändert wird, dass das Immunsystem der Menschen, die sie zu sich nehmen, geschwächt wird – die Konsequenz doch wohl nicht sein könne, die Betroffenen dann mit teuren Medikamenten zu behandeln. Wie das denn angehe, wollte sie wissen, und warf dem Institutsleiter vor, Menschen wie ihm gehe es nur um Macht und Profit. Und das sei weder menschlich noch ethisch akzeptabel. Man müsse sich dafür schämen, denn es sei Verrat an den Menschen. Frau Dr. Weinberg sah die anderen Ärzte an und erinnerte sie an den hippokratischen Eid, den sie geleistet hatten, und der besagte, dass es ihre Aufgabe war, Menschenleben zu retten.

   Dr. Sonne stand auf und wollte Dr. Weinberg beruhigen, aber da kamen schon Werkschutzmitarbeiter und führten sie hinaus. An dieser Stelle brach das Video ab.

   Bahar und ich starrten wie betäubt auf den Bildschirm. Wir konnten einfach nicht glauben, was wir da gesehen haben.“

   Ich war wie vor den Kopf gestoßen. ‚Was sollen wir jetzt machen?‘, fragte ich Bahar.

   ‚Siehst du jetzt ein, dass sie gefährlich sind?‘ gab Bahar zurück. ‚Sie missbrauchen irgendwie alle Projekte und nutzen das Wissen und die Fähigkeiten von begabten Leuten für ihre Zwecke. Solange die Mitarbeiter dem Institut von Nutzen sind, gibt es keine Probleme, aber wenn sie merken, dass die Wissenschaftler zu viel wissen und gefährlich werden können, werden sie ausgeschaltet.‘

   Bahar verstummte nachdenklich. Die Lage war in der Tat besorgniserregend. ‚José, versprichst du mir etwas?‘, bat sie mich. Und noch bevor ich etwas sagen konnte, fuhr sie fort, dass wir erst einmal mit niemandem darüber sprechen sollten, nicht einmal mit dir. Sie war sich sicher, dass du uns nicht glauben und wieder denken würdest, dass wir die Geschichte erfunden haben. Aber sie war sich auch sicher, dass wir etwas unternehmen mussten. Sie schlug vor, am nächsten Tag damit anzufangen, R7 so umzuprogrammieren, dass er seine Signale und Informationen zuerst an uns sendete. Erst, wenn wir festgestellt hätten, dass damit keine Gefahr für Menschen verbunden war, sollten wir sie an das Institut weiterleiten.

   Du kannst nicht glauben, wie wir uns fühlten, Wolfgang! Ich fragte Bahar noch einmal eindringlich, ob sie sicher war, dass es richtig war, mit niemandem darüber zu sprechen. ‚Was ist, wenn R7 gefährlich wird?‘ gab ich ihr zu bedenken.

   ‚Wenn es soweit kommt, zerstören wir ihn‘, war ihre Antwort. Sie meinte, dass wir keine andere Wahl hätten, da wir mit dem Videomitschnitt nichts beweisen könnten. Wir bräuchten mehr Beweise und müssten herausfinden, was sie mit dem Roboter-Vogel vorhatten. Sie hoffte, damit könnten wir eines Tages das Institut auffliegen lassen.“

   Wolfgang hatte José ungläubig zugehört. Er seufzte tief: “Mein Gott, was Bahar und du durchgemacht habt, erforderte eine Menge Mut. Ich bin stolz auf euch. Bitte verzeiht mir, dass ich euer Leben in Gefahr gebracht habe. Wäre ich nur nicht so egoistisch gewesen und hätte auf Bahar gehört und nicht mit dem Institut zusammengearbeitet! Ich fürchte, jetzt ist es zu spät. Vieles ist mir immer noch nicht klar. Ich weiß nicht, wo ich ansetzen soll. Weißt du eigentlich, was die Mission von R7 war?“

   „Wir haben festgestellt, dass die Zugvogelforschung nur ein Vorwand war. Sie wollten an andere Informationen kommen, und die anderen sechs Teams vor uns haben sie ihnen nicht verschafft. Wir sind das siebte Team, das die Sache zum Abschluss bringen soll.“

   „Habt ihr es geschafft, alle Informationen von R7 abzufangen?“ fragte Wolfgang enthusiastisch.

   „Ja“, antwortete José.

   Wolfgang rückte seinen Stuhl näher zu José. Seine Augen strahlten vor Freude. „Das heißt, R7 ist ein intelligenter Roboter, genau wie wir dachten?“

   José lächelte: „Es ist wirklich unglaublich. Er ist sogar noch intelligenter, als wir dachten, und er ist erfolgreich.“

   In diesem Moment fiel Wolfgang Bahar ein und er sagte bedrückt: „Ich hätte mir gewünscht, dass wir diese Erkenntnis zusammen mit Bahar feiern können. Ich hätte nie gedacht, dass wir je in eine solche Lage kommen. Ich mache mich Sorgen wegen Bahar. Hast du etwas von ihr gehört?“

   „Nein“, antwortete José, „und es ist auch besser so. Sie hat viele Internet-Bekanntschaften. Sie haben sich zusammengeschlossen und beschlossen, etwas gegen die Verbrechen und Missstände zu unternehmen und die Menschen darüber zu informieren. Ich weiß, dass Bahar die bisher von R7 empfangenen Informationen an sie weitergeschickt hat, und ich hoffe, Bahar ist jetzt eine von ihnen.“

   „Du kannst dir nicht vorstellen, wie Bahar und ich uns fühlten! Seit wir R7 auf die vom Institut bestimmte Flugbahn geschickt haben, haben wir uns jeden Tag unendliche Sorgen gemacht. Tagsüber bin ich R7 im Institut gefolgt und nachts waren Bahar und ich zusammen auf seiner Spur. Wir wussten, dass das auf die Dauer so nicht weiter gehen konnte.“

   „Also ist R7 nicht verloren gegangen, und er ist immer noch aktiv?“ fragte Wolfgang.

   „Ja.“

   Wolfgang schlug unwillkürlich mit der Faust auf den Tisch und sagte: „Jawoll! Genau das wollten wir.“ Er legte seine Hand auf die von José. „Wir haben es geschafft! Wir haben es geschafft!“ freute er sich. „Und hat R7 eigentlich etwas entdeckt, das eine Gefährdung für die Menschen bedeutet?“

   José zögerte ein Moment: „Wie soll ich es dir sagen? Wenn ich selbst die Mitteilungen von R7 nicht mit eigenen Ohren gehört und die Bilder nicht gesehen hätte, hätte ich alles für reine Fiktion gehalten. Am Anfang war alles ganz normal und R7 folgte planmäßig dem Vogelzug. Aber plötzlich hat er seine Route geändert und den Radarschirm verlassen.“

   „Ja, den Tag werde ich nie vergessen“ unterbrach ihn Wolfgang. „Ich bin total in Panik geraten und habe mir die schlimmsten Sorgen um R7 gemacht.“

   „Wir haben alle uns massive Sorgen gemacht“, bestätigte José, „und alles getan, um R7 zurück auf die richtige Bahn zu bringen. Bahar und ich haben uns noch mehr angestrengt, weil wir über das Schicksal der sechs anderen Teams Bescheid wussten. Aber du warst ja selbst bei der erfolglosen Suche dabei und erinnerst dich, dass die Mitarbeiter im Institut nach tagelanger Suche die Hoffnung aufgegeben haben. Aber wir, Bahar und ich, saßen abends, wenn wir im Institut Feierabend gemacht hatten, zu Hause vor dem Monitor und dem Radarschirm und warteten auf ein Signal von R7. Ich war, ehrlich gesagt, auch am Rande der Erschöpfung damals. Aber immer, wenn ich Bahar ansah, tat sie mir furchtbar leid. Sie war wie eine Mutter, die bis zuletzt die Hoffnung nicht aufgibt. Sie hat ständig Signale ausgesendet. Ich ging zu ihr und sagte, jetzt sei es genug und sie solle damit aufhören, denn es gäbe keine Hoffnung mehr, woraufhin sie in lautes Weinen ausbrach und mich bat, noch ein paar Tage zu warten. Sie spüre R7, sagte sie, und sie wisse, dass er da sei, wir könnten ihn nur nicht sehen. Ich legte den Arm um sie und beruhigte sie, obwohl ihre Hartnäckigkeit mich immer wieder an den Rand der Verzweiflung brachte – aber sie im Stich lassen, das konnte ich dann auch nicht. Nacht für Nacht versuchten wir, mit R7 Kontakt aufzunehmen, und warteten und warteten. Eines Nachts war Bahar an der Reihe, sich auszuruhen. Ich war eingedöst, als ich plötzlich etwas hörte und ein Bild auf dem Monitor auftauchte, das erst trübe und undeutlich war. Aber dann wurde es klarer und mir wurde ziemlich mulmig zumute. Ich ging ganz verunsichert zu Bahar hinüber. Ich brachte keinen Ton heraus und so zog ich sie an der Hand zum Rechner. Sie war noch nicht richtig wach und schaute ganz verwirrt auf den Monitor, ohne etwas erkennen zu können. ‚Was ist denn los, José?‘

   Ich zeigte auf den Monitor: ‚Ich glaube, ich habe eine Mitteilung von R7 bekommen‘.

   Sie schaute noch einmal auf den Bildschirm und fragte, ob ich mir wirklich sicher sei, es könne ja sein, dass ich eingedöst sei und es nur geträumt habe. Während wir noch diskutierten, hörte Bahar auf einmal auch etwas. Sie setzte schnell den Kopfhörer auf und sagte: ‚Nest an R7! Hörst du mich? Gib uns deine Koordinaten.‘

   R7 hat Bahars Tonsignal empfangen und eine Meldung gesendet: ‚Ich befinde mich auf unbekanntem Terrain, für das ich nicht programmiert bin. Ich sende euch ein paar Bilder von hier.‘

 

   Wir konnten es nicht glauben und sind vor Freude herumgehüpft. Du kennst doch Bahar. Wenn sie eine gute Nachricht bekommt, fängt sie an zu tanzen. Ich war auch begeistert und habe ein bisschen mitgetanzt. Dann haben wir uns wieder auf den Bildschirm konzentriert. Zuerst kam nichts, aber dann dauerte es nicht lange und es tauchten Bilder auf.

   ‘Wir haben die Bilder erhalten‘, sendete Bahar. ‚Sie sind nicht erkennbar. Geh näher heran.‘ R7 sendete ein Bild nach anderem. Wir waren sehr erstaunt darüber, was wir da zu sehen bekamen. Es sah aus, als befinde sich R7 in einem Märchenland. Wir haben einen Teil eines alten Schlosses erkannt mit vielen Leuten, die hin und her liefen. Die Bilder waren am Anfang unscharf, aber als R7 seine Kamera fokussiert hatte, konnten wir den Schauplatz genau sehen.

   Die Menschen waren ungewöhnlich gekleidet. Bahar wunderte sich und fragte sich, was das wohl für Bilder waren. Ich verstand auch nichts. Die Männer und Frauen trugen traditionelle orientalische Kostüme und die Frauen Schleier vor dem Gesicht. Einige ritten auf Pferden.