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Vorgeschichte

Teil 1

Nun war es endlich soweit, ihr Traum wurde Wirklichkeit, doch diese Wirklichkeit war um ein Vielfaches anders als sie jemals erwartet hatten.

Für ihre Mission waren sie bereit sogar ihr Leben zu riskieren. Die Kraft dazu schöpften sie aus der Gewissheit auserwählt zu sein.

Wolfgang starrte unverwandt auf den Radarschirm. Er versuchte mit WV.R7 (Wandervogel-Roboter 7) Kontakt aufzunehmen. Sie hatten den Roboter-Vogel verloren und erhielten kein Signal mehr von ihm. R7 reagierte nicht mehr auf ihre Meldungen – als sei er vom Erdboden verschluckt. Aber das konnte nicht sein.

   Wolfgang schüttelte traurig den Kopf und sagte: „Warum gerade jetzt, als wir dachten, dass alles gut läuft?“ Er schaute José an: „Bahar, du und ich haben den Roboter-Vogel so gebaut, dass er Wirbelstürmen, Flut und Blitz standhalten kann. Für alle möglichen Gefahrensituationen haben wir ihn mit empfindlichen Sensoren ausgestattet und die bestmöglichen Präzisionsgeräte eingebaut. Egal, wo er sich befindet, er muss eine Spur hinterlassen haben. R7 ist ein intelligenter Roboter, der auch in Gefahrensituationen automatisch reagiert.“

   Wolfgang schaute sich den Schaltplan von WV.R7 an: „Mein Gott! Ist nach so vielen Jahren Mühe und Arbeit und den hohen Kosten für das Institut jetzt alles umsonst gewesen?“

   Dann ging er völlig außer sich zu José und rief: „Nein, das darf einfach nicht sein!“

   José versuchte, ihn zu beruhigen. Aber ihm ging es auch nicht besser. R7 war kein einfacher Roboter, für sie war es wie ein Kind, das sie großgezogen und zum Erfolg gebracht hatten.

   Wolfgang saß an einem Tisch, auf dem mehrere Computer und Radarbildschirme standen. Er ließ den Kopf hängen: „Wie kann ich jetzt dem Institut und dem Chef Rede und Antwort stehen? Du weißt genau, dass sie nicht leicht zu überzeugen sind, dass sie Fragen stellen und uns verantwortlich machen werden. Wir haben so lange nach den richtigen Ansprechpartnern für dieses Projekt gesucht. Das Institut hat uns die Möglichkeit gegeben, einen großen Traum zu verwirklichen.“ Dann verstummte er und versank in Gedanken.

   José erinnerte sich an Bahar und ihre Zeit als Studenten. Damals war Wolfgang Assistent des Professors gewesen und hatte ihnen oftmals helfen können. Bahar und José waren sehr begabt auf ihrem Gebiet: EDV, Design und Programmierung. Und dank Wolfgangs Beratung hatten sie ihr Studium mit den besten Noten abschließen können. Außerdem ließ Wolfgang sie an verschiedenen Projekten mitarbeiten. Immer wieder wurde ihre Arbeit mit Preisen ausgezeichnet. Wolfgang selbst stand ihnen in nichts nach. Er war Maschinenbauingenieur und auf seinem Gebiet ebenfalls hochbegabt. Als Ergebnis ihrer Zusammenarbeit war nun ein intelligenter Roboter entstanden.

   José ging zu Wolfgang an den Schreibtisch und betrachtete das Foto, das Wolfgang immer dabei hatte und auf jeden Tisch stellte, an dem er arbeitete. José nahm den Rahmen hoch. Wolfgang kam dazu und beide schauten die Aufnahme an. Es war das erste gemeinsame Bild von ihnen und war am Anfang ihrer Bekanntschaft in der Universität aufgenommen worden

- „Hast du auch gerade an Bahar gedacht?“ fragte Wolfgang.

- José nickte: „Ja.“

   Wolfgang zeigte auf das Foto: „Du warst gerade frisch aus Peru gekommen. Ich erinnere mich ziemlich gut, weil du kaum Deutsch konntest.“

   José grinste: „Das glaube ich dir, dass du dich erinnern kannst. Erst später, als ich dann richtig Deutsch gelernt habe, habe ich begriffen, was die Sätze, die du mir beigebracht hast, bedeuteten und warum die Leute über mich gelacht haben. Aber Bahar und ihre Familie haben mir sehr geholfen. Bahar war eine gute Lehrerin. Ihre Familie hat mich oft zu sich nach Hause eingeladen. Ich habe das gute iranische Essen ihrer Mutter nicht vergessen.“

   Wolfgang sah José von der Seite an: „Du bist doch immer noch ständig bei ihnen!“

   José stotterte verlegen: „Ja … aber du weißt ja: Bahars Vater lehrt nicht mehr an der Universität.“

   „Er ist im Ruhestand, oder?“, meinte Wolfgang.

   „Jedenfalls sind der Professor und Bahars Mutter oft auf Reisen“, antwortete José. „Und Bahar ist oft allein. Sie hat keine Lust zu kochen, obwohl sie immer behauptet, Kochen sei die reinste Therapie für Frauen.“

   Wolfgang seufzte. Er ging zu seinem Arbeitsplatz, holte einen Brief aus der Schublade und zeigte ihn José. Er trug Bahars Handschrift. Sie schrieb, dass sie nicht mehr mit ihnen zusammenarbeiten könne, und entschuldigte sich bei Wolfgang dafür, dass sie sich mit einem Brief verabschiedete. Sie wisse, wie wichtig dieses Projekt für Wolfgang sei, könne aber nicht mehr mitwirken, weil sie die Sache anders sehe. Deshalb steige sie aus. Und am Ende hieß es: „Ich hoffe, dass wir irgendwann in der Zukunft einmal an einem Strang ziehen. Ich denke immer an dich, grüß José von mir. Bis dann. Bahar.“

   José senkte den Kopf und grübelte.

   „So leid es mir tut“, ergriff Wolfgang das Wort, „aber ich verstehe Bahar nicht mehr. Sie denkt, sie kann mich in ein paar Zeilen überzeugen? Ich bin doch kein Fremder. Sie kann uns nicht einfach mit einem Brief in einem so unpersönlichen Ton verlassen!“ Er schaute José an: „Ihr seid mehr als nur zwei Kollegen für mich. Ihr seid meine Familie. Verstehst du?“

   Als habe er etwas zu verbergen, vermied es José, Wolfgang in die Augen zu schauen. Ärgerlich nahm Wolfgang den Brief wieder an sich und steckte ihn in die Tasche: „Was ist los? Sag mal, warum verhältst du dich so? Wenn es etwas gibt, das du mir verschweigst, will ich es wissen.“

   José ging ungerührt zu seinem Schreibtisch und packte scheinbar unbeeindruckt von Wolfgangs Worten seine Sachen zusammen. „Ich habe Hunger. Lass uns in das Restaurant gehen, in dem wir immer mit Bahar gegessen haben“, schlug er vor.

   Wolfgang wollte lieber allein sein, so wütend war er auf beide. „Geh nur. Ich habe keinen Hunger“, gab er zurück.

   José legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm in die Augen: „Du wirst schon Appetit bekommen, wenn wir ins Blaue U-Boot gehen.“

   Wolfgang wurde klar, dass José ihm etwas Vertrauliches mitteilen wollte. Als sie früher einmal dort zum Essen gewesen waren, hatten sie zufällig herausgefunden, dass sie im Restaurant weder Telefon- noch Internetverbindung hatten und deshalb auch nicht abgehört werden konnten. Seither hatten sie alle vertraulichen Gespräche dort geführt.

   Wolfgang war sichtlich verunsichert. Er sah sich um und rief dann unvermittelt: „José, was für ein tolle Idee! Ich habe doch Hunger. Lass uns gleich starten.“ Er holte seine Jacke und blickte in die Kameras, die überall installiert waren.

   José flüsterte ihm zu: „Mit so einem Verhalten machst du nicht nur sie, sondern jeden Idioten auf dich aufmerksam.“

   Wolfgang hatte es eiligzum Blauen U-Boot zu kommen. Er fuhr ziemlich schnell, worüber José sich wunderte, da Wolfgang sonst immer ein vorsichtiger Fahrer war.

   „Was soll das denn?“, gab er zu bedenken. „Fahr doch langsamer, sonst bekommen wir noch die Polizei an den Hals. Und wenn sie uns anhalten, ist der Abend gelaufen.“

   Wolfgang ignorierte ihn. Schließlich kamen sie an. José stieg aus und atmete auf. Das Restaurant hatte die Form eines U-Boots.

   Der mit der Uniform eines Marine-Offiziers bekleidete Türsteher führte sie durch die dunklen Gänge bis in den Hauptsaal und kehrte dann wieder um. Das Restaurant war voll wie immer. Einer der Kellner erkannte sie und begrüßte sie strahlend: „Guten Abend!“

   José sah auf die Uhr und erwiderte lachend: „Guten Morgen wäre wohl eher angebracht.“ Der Kellner erkundigte sich erstaunt: „Wie kommt es, dass Frau Müller heute nicht mitgekommen ist?“

   „Sie ist verreist!“, gab Wolfgang unsicher zurück.

   „Gleich wird ein gemütlicher Platz frei. Ich sorge dafür, dass Sie ihn bekommen“, sagte der Kellner.

   Sie schauten in die Aquarien, die rund um den Saal eingebaut waren, um den Eindruck zu erwecken, man befände sich unter Wasser. Der Anblick der bunten Fische und der Wasserpflanzen vermittelte ihnen ein friedliches Gefühl. Bald darauf gab ihnen der Kellner ein Zeichen. Nachdem sie Platz genommen hatten, legte er die Speisekarten vor ihnen auf den Tisch und entfernte sich.

   Kaum war der Kellner weit genug weg, wandte Wolfgang sich an José: „Sag doch endlich, was passiert ist! Warum hat Bahar uns verlassen? Und warum verhältst du dich so anders?“

   José gab ihm ein Zeichen: „Warte kurz. Zuerst muss ich prüfen, ob alles in Ordnung ist. Dann erzähle ich es dir.“

   Er holte ohne Hast ein kleines Gerät aus seiner Aktentasche und prüfte, ob womöglich unter dem Tisch oder in ihrer Umgebung ein Abhörgerät installiert worden sei. Dann nahm er aus Wolfgangs und seinem eigenen Handy die Akkus heraus und lehnte sich zurück.

   „Schade um dich!“ Wolfgang schüttelte den Kopf. „Du warst wohl zu viel mit Bahar zusammen, und jetzt bist du wie sie geworden. Dass sie immer so skeptisch und misstrauisch war und alles und jeden verdächtigt hat, ist mir ziemlich auf die Nerven gegangen. Und jetzt bist du keinen Deut anders als sie.“

   „Weil ich festgestellt habe, dass sie recht hat“, erwiderte José. „Du warst immer gutgläubig, und du bist es nach wie vor.“

   Wolfgang fuhr sich ärgerlich durch das zerzauste Haar.

   „Nur, weil ich nicht bin wie ihr“, bemerkte er verunsichert. „Aber ich handle nicht voreilig und tue nichts unüberlegt. Ich möchte uns nicht gefährden und deshalb bin ich vorsichtig. Und zuversichtlich.“

   „Wach auf, Wolfgang! Weißt du überhaupt, warum dieses Projekt R7 heißt?“

   „Ihr legt es immer darauf an, euch irgendwelche phantastischen Geschichten zusammenzureimen. Es ist höchste Zeit, dass ihr aufwacht, du, José, und Bahar, und euch in der Realität einrichtet. Ihr lebt in einer virtuellen Welt und das ist gefährlich.“

   „Das ist nicht fair.“ José war beleidigt. „Du erinnerst dich doch bestimmt an das Vorstellungsgespräch beim Institut. Sie haben das Institut und alle seine Errungenschaften über den grünen Klee gelobt und dann von uns gewollt, dass wir einen Roboter bauen, der einerseits den Zugvögeln folgen und ihre Position registrieren kann, und mit dem sich andererseits feststellen lässt, warum sie verschwinden. Der Roboter sollte in der Lage sein, von überall her, rund um die Erde, Funksignale direkt zurückzusenden und Informationen zu übermitteln. Damals hat Bahar gleich gesagt, dass sie nicht dafür ist, dass wir mit dem Institut zusammenarbeiten. ‘Wir sind ein Forscherteam und keine Geheimagenten’, hat sie damals gesagt. Aber du hast gemeint, wir sollen mitmachen, weil das ein großartiges Projekt ist und wir dort alle Möglichkeiten geboten bekommen, R7 zu bauen. Nachdem jetzt der Roboter-Vogel verschwunden ist, sind wir das siebte Team mit einem abgebrochenen Forschungsprojekt. Die sechs Teams vor uns haben an demselben Punkt versagt und den Roboter-Vogel verloren. Die anderen Roboter haben auch aufgrund unbekannter Signale einen neuen Kurs aufgenommen und sind am Ende verloren gegangen. Wir wissen, dass das Institut genau diese Signale sucht und den unbekannten Ort finden will.”

   „Und ausgerechnet Bahar und du, ihr wisst natürlich Bescheid, warum die Roboter sich gerade dorthin begeben haben“, meinte Wolfgang sarkastisch.

   „Was wir wissen, ist nicht so wichtig“, erwiderte José, „es geht darum, dass du begreifst, worum es geht. Die anderen Teams sind nämlich spurlos verschwunden.